VON GÜNTER TEWES Boom an den Gesamtschulen: Mehr als jeder zweite Viertklässler der Grundschulen (51,7 Prozent)
ist jetzt an einer der drei Gesamtschulen angemeldet worden, 930 Kinder insgesamt. Ein absolutes Rekordergebnis an der Geschwister-Scholl-, Friedrich-Albert-Lange- sowie der Gesamtschule Solingen - und dies sogar noch angesichts abnehmender Schülerzahlen. Grundschulleiter Michael Seiffert, Sprecher der Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, überrascht der Zuspruch nicht. "Dies zeigt, wie vernünftig die Eltern sind", wertet er gegenüber unserer Zeitung das Anmeldeergebnis.
"Für die vierte Gesamtschule braucht man nicht zu kämpfen"
Seiffert warnt allerdings davor, nun reflexhaft die vierte Gesamtschule zu fordern. "Sicherlich wäre diese sinnvoll", betont er. "Doch für die vierte Gesamtschule braucht man nicht zu kämpfen." Aus seiner Sicht wäre das Kraftvergeudung. Denn diese neue Schule würde von der NRW-Landesregierung keine Zulassung bekommen. Außerdem wäre sie wegen der städtischen Haushaltslage in Solingen auch nicht finanzierbar.
Seiffert fordert jetzt eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen den Gymnasien, Haupt- und Realschulen, um Seiteneinsteigern mehr Chancen zu bieten. Für ihn hängt der Anmeldeboom an den Gesamtschulen jedenfalls eng mit dem viel zu starren, dreigliedrigen Schulsystem zusammen, das neun- und zehnjährige Kinder nach der Klasse vier ausliest und von den Eltern schon viel zu früh eine Schullaufbahn-Entscheidung fordert.
"Das ängstigt Eltern", beobachtet Schulpflegschaftsvorsitzender Wolfgang Sinkwitz. Ein Kind, das es in der Erprobungsstufe der Klassen 5 und 6 im Gymynasium nicht schaffe, werde gnadenlos bis zur Hauptschule durchgereicht. Es habe keine Chance, in der Realschule aufgenommen zu werden.
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Für Schulpolitikerin Ulla Feldhaus ist die Gesamtschule ohnehin "eindeutig die Schulform der Zukunft", so wie es andere europäische Länder längst vormachen. Die differenzierte Struktur und die Lerninhalte der Gesamtschulen entsprechen aus ihrer Sicht dem Bedürfnis von Eltern und Kindern, Zukunftsperspektiven und optimale Entwicklungsmöglichkeiten offen zu lassen. In internationalen Vergleichen des Bildungsniveuas habe sich dies als vorteilhaft erwiesen.
INFO
Kein Platz für Kinder
299 Kinder mussten im vergangenen Jahr an den drei Gesamtschulen abgelehnt werden. Diesmal sind es 390 Mädchen und Jungen aus den vierten Grundschulklassen, die keinen Platz in der Wunschschule bekommen werden. Denn die Geschwister-Scholl-, Friedrich-Albert-Lange- und die Gesamtschule Solingen haben in ihren neuen fünften Klassen nur drei Mal 180, also 540 Plätze zu vergeben.
Nächste Woche erhalten Eltern Post: Die Ablehnung des Kindes kommt per Einschreiben, die Aufnahme steckt in einem normalen Brief. Am Donnerstag, 8. Februar, ist die zweite Anmelderunde in den Gymnasien, Haupt- und Realschulen.
Insgesamt 390 Kinder müssen jetzt an den drei Gesamtschulen abgewiesen werden. Ulla Feldhaus bedauert, das hier die Anmeldung für Familien inzwischen immer mehr zu einem "Lotteriespiel" wird. Dies sei für alle Betroffenen eine Zumutung und auf Dauer nicht hinnehmbar. Auch die SPD-Ratsfrau fordert nun, die Durchlässigkeit zwischen den bestehenden Schulformen weiter auszubauen - "dies allerdings nur als vorläufige Hilfe, nicht als wirkliche Lösung des Problems".
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