Solinger Morgenpost

10.05.99

Der Lehrer ohne Job - die Kinder ohne Unterricht


Was bei der Demonstration passierte

Der Lehrer ohne Job
- die Kinder ohne Unterricht

Von GÜNTER TEWES

Auch Lisa-Maria Schubert aus der dritten Klasse gehörte zu den etwa 600 Tellnehmern im Demonstrationszug vom Rathaus an der Cronenberger Straße über die Kölner Straße zum Fronhof. "Warum steht mir keine gute Ausbildung zu?", steht auf dem Plakat der Neunjährigen. "Wie sollen meine Kinder etwas lernen, wenn der Unterricht ausfällt? Das ist eine einfache Rechnung", ärgert sich ihre Mutter, Marina Schubert, über den sich häufenden Wegfall der Stunden.

Die Stimmung ist gereizt

Andere in dem von Stadtschulpflegschaft, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sowie dem Lehrerverband VBE am Samstag organisierten Protest stört das ebenso. Die Stimmung ist jedenfalls gereizt. Auch die Spruchbänder zeigen das:
"Spieglein, Spieglein an der Wand, wer hat den wenigsten Unterricht im Land", "Was nützt Frau Behler Qualität, wenn es nicht mehr weitergeht".
"So geht es nicht mehr weiter." Ingeborg Friege, Leiterin der Ohligser Geschwister- Scholl-Gesamtschule, sieht die Schule selbst in der Zwickmühle. "Es wird immer mehr gespart. Wir müssen aber mit weniger Mitteln immer mehr Aufgaben bewältigen. Das ist schlicht weg unmöglich."
Wolfgang Sinkwitz, Vorsitzender der Stadtschulpflegschaft, forderte "mehr Prioritäten bei der Bildung". "Die Demonst ration soll Politik und Verwaltung in unserer Stadt zeigen, daß Eltern sehr interessiert an schulischen Belangen und einer qualifizier-

ten Ausbildung ihrer Kinder sind" betonte er am Rednerpult auf dem Fronhof. Im Blick hatte er ausfallenden Schwimmunterricht, fehlende Turnhallen und Klassenräume oder mögliche Stellenstreichungen bei den Schulsekretariaten. Applaus erhielt er für seine Forderung nach kleinen Klassen und zusätzlichen Lehrern.
Derweil hielten Sabine Lügering und Silke Hoffmann, Mütter von sieben- und neun jährigen Grundschülern, ein Transparent in die Höhe "Wir fordern Schluß mit dem vielen Unterrichtsausfall." Deswegen sind sie gekommen, deshalb sind sie verärgert und machen sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder. Nach dem Rektor sind drei weitere Lehrer erkrankt.
"Was über den normalen Unterricht hinaus gegeben wird, kann nicht mehr gegeben werden." Doch gerade das begeistere die Kinder für Schule, beschreiben Elke Stoppe und Sabine Kespe von der Schulpflegschaft an der Grundschule am Rosenkamp die Situation. So drastisch wertet auch Konrektorin Heide Blödorn die Folgen bei erkrankten Kollegen. "Die produktiven, kreativen Stunden gehen den Bach herunter."

Kein Physik mehr

Das ist kein Einzelfall, wie Sigrid Klein und Dr. Monika Mallmann der MORGENPOST am Rande der Demonstration berichten. Im Gymnasium Vogelsang haben jetzt sechs Klassen kein Physik mehr, weil der Zeitvertrag eines Lehrers mitten im Schuljahr endete. "Es ist ein Skandal. Der Lehrer ist arbeitslos und die Kinder haben keinen Unterricht."

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