Solinger Morgenpost

27.10.01

Reizwort: "Schulen anpassen"

Kämmerer Ernst Schneider, der städtische Sparkommisar, eröffnet Bildungsdiskussion

Reizwort: "Schulen anpassen"

Von GÜNTER TEWES

Kein Lehrer, kein Schulpolitiker - sondern Kämmerer Ernst Schneider, der städtische Sparkommissar, hat die neue Diskussion zur Zukunft der Schule eröffnet. Motto: Wie viel Schulgebäude können wird uns noch leisten? "Schulen sind gemäß den Entwicklungszahlen und unter Beachtung der Bausubstanz anzupassen", hatte er gefordert.

Bei dem Reizwort "anpassen" kann es aus Sicht von Michael Seiffert, Sprecher der Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, allerdings bloß in eine einzige Richtung gehen. "Damit kann nur die Schulraumerweiterung gemeint sein", betonte er gestern gegenüber der Morgenpost. Seine Begründung: "Weil der Schulentwicklungsplan in der Sekundarstufe I deutlich zeigt, dass in den nächsten zehn Jahren Klassenraum für drei bis vier Züge fehlen wird."

"Schüler, Eltern und Lehrer haben ein Recht darauf"

Neuen, teuren Schulraum hat Kämmerer Ernst Schneider unter "anpassen" aber wohl kaum gemeint, als er sein Sparpaket für den Haushaltsplan 2002 vorstellte. Im nächsten Jahr weist der städtische Etat mehr Ausgaben als Einnahmen auf: Ein tiefes Finanzloch von 65 Millionen Mark klafft.

"Wenn Herr Schneider hier ganz konkret Schulschließungen plant, dann soll er das klar und deutlich sagen!" Misstrauisch reagierte Ulla Feldhaus, schulpolitische Sprecherin der SPD, auf die geheimisvollen Äußerungen des Stadtkämmerers. "Schüler, Eltern und Lehrer", so ihre Forderung, "haben ein Recht darauf, frühzeitig zu erfahren, ob schon eine Streichliste in der Schublade liegt und welche Schulen darauf stehen."

Vom fertigen Schulschließungs-Konzept ist der Kämmerer jedoch weit entfernt, wie er auf Anfrage berichtete. "Darnit ist keine bestimmte Schule gemeint", sagte Ernst Schneider. "Man muss sich aber Gedanken machen." Als Startschuss will er seinen Beitrag verstanden wissen. Es soll hingeschaut werden, ob und wo sich ein "Bedarfsrückgang" abzeichnet.
Damit rückt automatisch der Anmeldetag der neuen Fünftklässler in den Blickpunkt. Hier ist der Trend in der Vergangenheit stets eindeutig gewesen: Gesamtschulen mussten Kinder abweisen, Gymnasien und Realschulen platzten aus allen Nähten. All das ging in der Summe zu Lasten der Schulform Hauptschule.
Solche Uberlegungen wie auch die beim Vorstoß des Kämmerers sind bei der CDU allerdings kein Thema. "Aktuell sehen wir keinen Handlungsbedarf. Das ist nicht Gegenstand unserer Haushaltsklausur beratungen", betonte Helga Lehmann. Zurückgehende Schülerzahlen wirken sich naturgemäß zuerst auf Grundschulen aus. Leerstehende Räume sieht die schulpolitische Sprecherin der CDU wegen der Vielzahl der Betreuungsgruppen in den Klassen 1 bis 4 jedoch längst noch nicht.

Nachvollziehen kann Schulausschuss- Vorsitzender Heinz-Eugen Bertenburg (FDP) des Kämmerers Überlegungen. Mehr aber auch nicht. "Der Gedankengang ist nicht absurd!", betonte er. "Ich bleibe hier ganz offen nach allen Seiten." Deshalb will er jetzt erst einmal die Diskussion über den Schulentwicklungsplan abwarten. Ende des Jahres soll der Stadtrat über das Zukunftskonzept entscheiden.


 

Zwischenruf

Gut vorbereitet

Wenn Entwicklungen verpasst wurden, reden sich Politiker gerne heraus, indem sie auf unvorhersehbare Ereignisse verweisen. Bei zu wenig oder zu viel Schulraum zieht diese Ausrede nicht. Es dauert sechs Jahre, bis Babys zu Grundschülern

werden, vier Jahre, bis sie in eine Gesamt-, Haupt-, Realschule oder ein Gymnasium kommen. Zeit genug, um Weichen zu stellen. Wenn Kämmerer Schneider jetzt bei den Schulen von "anpassen" spricht, betreibt er Bildungspolitik mit Zukunft. Erst einmal sollten jene, die es betrifft, mit der Diskussion beginnen. Und zwar rechtzeitig, ehe es weider zu spät ist.   tws

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