Solinger Morgenpost

31.01.04

Denkste!

Denkste!

Von GÜNTER TEWES

Kein i-Dötzchen mehr! Endlich in der zweiten Klasse für die fortgeschrittenen Lerner! Der siebenjährige Jonas hatte sich darauf gefreut. Seine Mutter noch viel mehr. Iris Weiss hoffte endlich auf einen ausgefüllten Grundschulvormittag ihres Sohnes. In der Zeit, in der Jonas im Klassenzimmer sitzt, wollte sie zurück in den Beruf, ihrer Teilzeitstelle nachgehen. "Das hat sogar geklappt, als Jonas noch im Kindergarten war."

Denkste! Niemals hätte die Mutter erwartet, dass in der Schule alles unregelmäßiger würde. Mit vier oder fünf Unterrichtsstunden täglich hatte Iris Weiss gerechnet. Doch größere Kapriolen könnte Jonas' Stundenplan kaum schlagen. Ein Mal in der Woche ist der Siebenjährige nur zwei Stunden in der Schule, zwei Mal dagegen bis 13.30 Uhr. Für seine Mutter ist es unbegreiflich, warum die Schulvormittage nicht einheitlich gestaltet werden.

Wolfgang Sinkwitz versteht den Ärger.

Der Vorsitzende der Stadtschulpflegschaft kann ein Lied davon singen, wenn Schulen Stundenpläne diktieren, die so wechselhaft sind wie das Wetter. Damit müssen die Familien dann alleine klar kommen. Dabei ist Sinkwitz schon froh, wenn der Unterricht überhaupt gegeben wird. Immer mehr Eltern finden sich allerdings nicht damit ab, dass zu viele Schulstunden ausfallen oder als Vertretungsunterricht durchgeführt werden. 1600 Unterschriften gegen den Stundenausfall hat die Stadtschulpflegschaft bereits gesammelt. Tendenz: steigend. Die Forderungen wiederholt Sinkwitz inzwischen gebetsmühlenartig: Mehr Geld für Ausbildung, mehr qualifizierte Lehrer, weniger Stundenausfall. Nach seinen Worten sollen die Unterschriftenlisten zu einem "größeren Bündel" anwachsen, um sie im NRW-Schulministenum zu übergeben. Dort wird über Lehrerstellen entschieden. Sinkwitz: "Eltern glauben den Ankündigungen der Landespolitik nicht mehr, dass an der Bildung nicht gespart werde. Sie merken, dass sie betrogen

werden."

Mitstreiter der Stadtschulpflegschaft haben 80 Väter und Mütter befragt. Ergebnis: 10,3 Prozent des Unterrichts ihrer Kinder wurden durchschnittlich ausfallen und 8,2 Prozent lediglich als Vertretungsunterricht gegeben. Bei den weiteren Elternaktionen soll der Jugendstadtrat mit ins Boot geholt werden. Sinkwitz: "Die Schüler vor Ort wissen am besten, wie viel Unterricht ausfällt."

Jetzt haben sogar die Rektoren aus dem Sprecherrat Alarm geschlagen. Sie warnen vor einem Herunterrechnen der Lehrerstellen an den Schulen und werfen der Landesregierung Rotstiftpolitik in Taschenspieler-Manier auf Kosten der Schüler vor.

Ohnmächtig fühlt auch diese Mutter. Ihr Sohn geht in die siebte Klasse. Wegen eines Beinbruchs ist die Klassenlehrerin wochenlang ausgefallen. "Dafür kann sie nichts, aber Ersatz gibt es leider nicht."

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