Solinger Morgenpost

05.07.03

Verschiebebahnhof nach Klasse 6

Dutzende Kinder scheitern im Gymnasium und müssen zu Real- und Hauptschulen wechseln

Verschiebebahnhof nach Klasse 6

Von GÜNTER TEWES

"Erschreckend!" Mit einem deutlichen Fazit wertet Stadtschulpflegschafts-Vorsitzender Wolfgang Sinkwitz, dass die Gymnasien nach der Erprobungsstufe in Klasse sechs drastisch sieben und dutzende Kinder zu den Real- beziehungsweise Hauptschulen durchreichen. Bis zu 87 Sechstklässler der August-Dicke-Schule, des Humboldt-Gymnasiums sowie der Gymnasien Schwertstraße und Vogelsang - zusammen also drei komplette Klassen - droht nach den Sommerferien der Wechsel zu den Realschulen. Hinzu kommen noch 12 bis 15 Kinder, die zu den Hauptschulen wechseln müssen.
Im Schulausschuss am kommmenden Dienstag liegen diese Prognosezahlen auf dem Tisch. Entschieden werden muss, ob für die Realschul-Seiteneinsteiger zusätzliche Pavillon-Klassen errichtet werden, um die Kinder nicht auf der Straße stehen zu lassen.
Frustrierte Eltern
"Bei den Eltern liegen die Nerven blank", beschreibt Sinkwitz die Stimmung. Väter und Mütter seien frustriert, weil ihre Kinder das Lernziel nicht packen - und dies nicht nur nach der Erprobungsstufe an den

Gymnasien. "Dass so viele Kinder sitzen bleiben, hängt auch mit dem Unterrichtsausfall zusammen", ist Sinkwitz überzeugt und kündigt fürs nächste Schuljahr eine groß angelegte Aktion der Stadtschulpflegschaft an. "Eltern wehren sich gegen den permanenten Unterrichtsausfall."
Nach seinen Worten zieht sich das wie ein roter Faden von den Grundschulen bis zu den weiter führenden Schulen. Er schätzt, dass inzwischen jede zehnte bis elfte Unterrichtsstunde nicht erteilt wird.
"Da ist Sand im Getriebe", betont Joachim Blümer, Rektor der Theodor-Heuss-Realschule, angesichts der neuerlichen Welle von Seiteneinsteigern in Klasse 6 der ohnehin schon bis an die Grenzen gefüllten Realschulklassen. Nach seiner Einschätzung spricht jetzt alles für eine Pavillon-Lösung, die wohl nur an seiner beziehungsweise der Albert-Schweitzer-Realschule greifen könnte. Denn in der Realschule Vogelsang läuft es bereits fünfzügig.
Um besser reagieren zu können, wünscht sich Blümer schon jetzt verlässliche Zahlen der Quereinsteiger von den Gymnasien - nicht erst unmittelbar vor den Sommerferien, wenn deren Versetzungskonferenz gewöhnlich entscheiden.

Statt die Kinder nach der Erprobungsstufe wie auf einen Verschiebebahnhof durchzureichen, müssten nach Blümers Worten kreativere Lösungen angedacht werden. Als Beispiel nennt er die Gesamtschulen, die beim Seiteneinsteiger-Problem außen vor bleiben. "Es wäre eine Überlegung wert, sie zu beteiligen."
Aus Sicht von Marko Voigt, Rektor des Humboldtgymnasiums, sind die Zahlen der Wechsler nach Klasse 6 seit Jahren konstant. Er verweist auf den Sinn der Erprobungsstufe und warnt davor, Kinder in den kommenden Schuljahren mit der weiteren Fremdsprache vollends zu überfordern und größeren pädagogischen Schaden anzurichten. Das Problem an den Realschulen überrascht Voigt nicht: "Dort ist der Bedarf an Schulraum seit Jahren bekannt."

Schulausschuss, Dienstag, 8. Juli, 16 Uht, Schulzentrum Vogelsang

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