Solinger Morgenpost

09.09.02

Physiklehrer - nicht zu finden

Physiklehrer - nicht zu finden

Heute bewerben, morgen unterrichten: Eine Woche nach Schulstart sind Blitzkarrieren möglich. "Wir können uns keine Lehrer aus den Rippen schneiden", sagt Ingeborg Friege, Rektorin in Ohligs, über den Bedarf

Von GÜNTER TEWES

Ingeborg Friege von der Geschwister-Scholl- Gesamtschule geht es nicht anders als ihren Schulleiter-Kollegen. Man setzt auf die Referendare, die im Februar fertig werden und auf das Prinzip Hoffnung, dass in einem Mangelfach vielleicht doch noch ein neuer Kollege vor der Thr steht. Doch selbst diese hat die Ohligser Rektorin mitunter schon aufgegeben: "Physiker bekommen Sie nicht - schon seit Jahren nicht", beschreibt sie den abgegrasten Markt der verfügbaren Pädagogen. "Technik ist eine Katastrophe. Solche Lehrer gibt es einfach nicht."
Zu Beginn des neuen Schuljahres sind im Regierungsbezirk Düsseldorf knapp 300 Lehrerstellen nicht besetzt gewesen. Eckehard Vogt, Vorsitzen­der der hiesigen Lehrer- gewerkschaft GEW, schätzt, dass zehn Prozent der Stellen in den Hauptschulen offen bleiben. In den drei Solinger Gesamtschulen fehlen nach Morgenpost-Informationen ein halbes Dutzend Lehrer. Beispiel: Bis zum letzten Som­merferien-Wochenende hatte die Landesregierung per Internet noch fieberhaft einen Englisch-Lehrer für die Wupperstraße gesucht.

"Unsere Kinder könnten
viel mehr lernen"

"Vier könnten bei uns in den Realschulen sofort eingestellt werden", berichtet Ekkehard Steckmannn, im Sprecherrat der Rektoren für die drei Realschulen Albert-Schweitzer, Theodor-Heuss und Vogelsang.
Und die vier Gymnasien? Sie stehen vergleichsweise noch gut da. Alle ausgeschriebenen Stellen hätten besetzt werden können. "Doch die Decke wird kürzer", sagt Stephan Mertens, Gymnasiallehrer am Vogelsang und im GEW-Vorstand. Offensichtlich existiert die Vollversorgung an den Gymnasien aber nur auf dem Papier. Denn es seien noch nicht genügend Stellen zugewiesen worden. Folge der Sparmaßnahme ist Stundenausfall. Auch an seiner Schulform gebe es bereits Unterrichtskürzungen, beschreibt Mertens die Lage.
Er verweist auf ein interessantes Prinzip, wonach Nachwuchslehrer auf Stellensuche genauso handeln, wie Eltern bei der Anmeldung ihres Kindes an einer weiterführenden Schule: "Wer über die Voraussetzungen verfügt, versucht ans Gymnasium zu kommen.

So kippen die anderen Schulformen hinten īrüber. Das ist Marktwirtschaft." Ekkehard Steck­mann kann dies nur bestätigen: "Leh­rer können sich heute die Stellen aus­suchen, wählen nach dem Profil der Schule, der Ausstattung, der Wirkung nach außen." - Und nach Verdienst beziehungsweise den Aufstiegsmög­lichkeiten, beides ist in der Haupt­schule am geringsten. Nicht umsonst gilt sie unter Sekundarstufenlehrern als unattraktivster Arbeitsplatz.
"Unsere Kinder könnten viel mehr lernen", ist Wolfgang Sinkwitz, Vor­sitzender der Stadtschulpflegschaft, überzeugt. Wegen des Lehrermangels und weil Ministerin Behler in Düssel­dorf zu wenig Geld für zusätzliche Stellen und kleinere Klassen bereit­stellt, macht er sich Sorgen: "Irgend­wo und irgendwann fällt an jeder Schule Unterricht aus." Wenn Kolle­gen erkranken, in Mutterschaft gehen oder Mangelfächer nicht abgedeckt werden können, muss auch schon mal jemand in Physik unterrichten, der das gar nicht studiert hat - oder das Fach wird in der Klasse gleich aufs nächste Schuljahr geschoben. In der Hoffnung, dass sich für die freie Stelle doch noch einer findet. "Wir kön­nen das ausgleichen," berichten Schulleiter, um Eltern nicht zu beun­ruhigen. Sinkwitz nennt das "tricksen".

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