|
Von GÜNTER TEWES
Ingeborg Friege von der Geschwister-Scholl- Gesamtschule geht es
nicht anders als ihren Schulleiter-Kollegen. Man setzt auf die Referendare,
die im Februar fertig werden und auf das Prinzip Hoffnung, dass in einem
Mangelfach vielleicht doch noch ein neuer Kollege vor der Thr steht. Doch
selbst diese hat die Ohligser Rektorin mitunter schon aufgegeben: "Physiker
bekommen Sie nicht - schon seit Jahren nicht", beschreibt sie den abgegrasten
Markt der verfügbaren Pädagogen. "Technik ist eine Katastrophe.
Solche Lehrer gibt es einfach nicht."
Zu Beginn des neuen Schuljahres sind im Regierungsbezirk Düsseldorf
knapp 300 Lehrerstellen nicht besetzt gewesen. Eckehard Vogt, Vorsitzender
der hiesigen Lehrer- gewerkschaft GEW, schätzt, dass zehn Prozent der
Stellen in den Hauptschulen offen bleiben. In den drei Solinger Gesamtschulen
fehlen nach Morgenpost-Informationen ein halbes Dutzend Lehrer. Beispiel: Bis zum letzten
Sommerferien-Wochenende hatte die Landesregierung per
Internet noch fieberhaft einen Englisch-Lehrer für die Wupperstraße
gesucht. |
|
"Unsere Kinder könnten
viel mehr lernen"
"Vier könnten bei uns in den Realschulen sofort eingestellt werden",
berichtet Ekkehard Steckmannn, im Sprecherrat der Rektoren für die
drei Realschulen Albert-Schweitzer, Theodor-Heuss und
Vogelsang.
Und die vier Gymnasien? Sie stehen vergleichsweise
noch gut da. Alle ausgeschriebenen Stellen hätten besetzt werden
können. "Doch die Decke wird kürzer", sagt Stephan Mertens,
Gymnasiallehrer am Vogelsang und im GEW-Vorstand. Offensichtlich
existiert die Vollversorgung an den Gymnasien aber nur auf dem Papier.
Denn es seien noch nicht genügend Stellen zugewiesen worden. Folge
der Sparmaßnahme ist Stundenausfall. Auch an seiner Schulform gebe
es bereits Unterrichtskürzungen, beschreibt
Mertens die Lage. Er verweist auf ein interessantes Prinzip, wonach Nachwuchslehrer auf
Stellensuche genauso handeln, wie Eltern bei der Anmeldung ihres Kindes
an einer weiterführenden Schule: "Wer über die Voraussetzungen
verfügt, versucht ans Gymnasium zu kommen. |
|
So kippen die anderen Schulformen
hinten īrüber. Das ist Marktwirtschaft." Ekkehard Steckmann kann
dies nur bestätigen: "Lehrer können sich heute die Stellen
aussuchen, wählen nach dem Profil der Schule, der Ausstattung,
der Wirkung nach außen." - Und nach Verdienst beziehungsweise den
Aufstiegsmöglichkeiten, beides ist in der Hauptschule am
geringsten. Nicht umsonst gilt sie unter Sekundarstufenlehrern als unattraktivster Arbeitsplatz.
"Unsere Kinder könnten viel mehr lernen", ist Wolfgang Sinkwitz,
Vorsitzender der Stadtschulpflegschaft, überzeugt. Wegen des
Lehrermangels und weil Ministerin Behler in Düsseldorf zu wenig
Geld für zusätzliche Stellen und kleinere Klassen bereitstellt,
macht er sich Sorgen: "Irgendwo und irgendwann fällt an jeder
Schule Unterricht aus." Wenn Kollegen erkranken, in Mutterschaft gehen
oder Mangelfächer nicht abgedeckt werden können, muss auch schon
mal jemand in Physik unterrichten, der das gar nicht studiert hat - oder
das Fach wird in der Klasse gleich aufs nächste Schuljahr geschoben.
In der Hoffnung, dass sich für die freie Stelle doch noch einer
findet. "Wir können das ausgleichen," berichten
Schulleiter, um Eltern nicht zu beunruhigen. Sinkwitz nennt das "tricksen".
Seite 3. Zwischenruf
|
|