Solinger Tageblatt

20.03.98

Rotstift statt Pädagogik


Rotstift statt Padagogik

Eltern machen mobil gegen den Unterricht
durch Referendare: Die Stadtschulpflegschaft
warnte gestern abend vor der Spar-Aktion.

(sch) Gerade in einer Zeit, in der die Kinder mehr denn je eine pädagogische Schule bräuchten, prägen Spar-Programme den Unterrichts-Alltag. Dies zeigte eindrucksvoll der gestrige Informationsabend der Solinger Stadtschulpflegschaft im Schulzentrum Vogelsang, zu dem rund 200 Eltern kamen. "Wir reden seit 1991 nicht mehr mit den Schul- und Bildungspolitikern", sondern mit den Finanzpolitikern", stellte Peter Wirtz fest, Leiter der Walder Gesamtschule und Vertreter der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

"Einer der Bausteine
der Verschlechterung"

Die jüngste Spar-Aktion von NRW-Schulministerin Gabriele Behler (SPD) sorgt derzeit für besonders großen Unmut. Referendare müssen selbständig und ohne Anleitung Unterricht erteilen unter Anrech nung auf den Stellenplan der Schule.
"Bedarfsdeckenden Unterricht nennt die Ministerin das Programm - und verkauft es öffentlich als praxisnähere Ausbildung. Der Erfindungsreichtum bei den Begriffen ist äußerst geschickt", brachte Peter Wirtz es auf den Punkt. "Es ist aber einer von vielen Bausteinen der Verschlechterung." Besonders

perfide: "Man greift Kritikpunkte auf, nutzt diese aber zur Einsparung." Denn daß die Ausbildung praxisfern ist, kritisieren die Lehrerverbände schon lange.
"Große Irritationen" habe es gegeben, weil wieder einmal wichtige Ausführungs bestimmungen fehlten. Das Konzept, so Wirtz, sei erkennbar "nicht durchdacht". Neben einer Verschlechterung des Unterrichts gebe es vor allem Gefahren für die Einstellung ausgebildeter Lehrer: Die Gewerkschaften rechnen mit der Einsparung von mehr als 3000 Stellen.
In manchen Schulen könne es zudem wegen der Fächerkombinationen zu großen Problemen kommen. "Im Extremfall führt das dazu, daß sogar Klassenlehrer wechseln müssen."
Wie sehr gerade heutige Kinder auf die Schule angewiesen sind, hatte zuvor Grundschul- Rektorin Hermine Helten vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) an Beispielen belegt: "Immer mehr Kinder haben Rückstände in der Sprachentwicklung." Und: "Die Anzahl der auffälligen Kinder ist deutlich gestiegen".
Daher bräuchten die Lehrer eigentlich mehr Zeit für die Kinder als früher: Vor 40 Jahren habe der Unterricht noch mit 52 Kindern funktioniert. "Die Kinder haben damals ihre Lernziele erreicht. Bei unseren 30 weiß ich das nicht so sicher."

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