Solinger Wochenpost

10.03.98

Trennungsfehler?

NRW-Schulministerin Behler will Männlein und Weiblein zeitweise trennen

Trennungsfehler?

Von Robert Sopella

Sollen Jungen und Mädchen im Unterricht voneinander getrennt werden? Modellversuche versuchen derzeit, diese Frage zu beantworten. Einer läuft zur Zeit an der Albert-Lange- Gesamtschule in Wald. "Jungen sind in naturwissenschaftlichen und Mädchen in sprachlichen Fächern gut". Diese Binsen weisheit nahm die NRW-Schulministerin Gabriele Behler (SPD) zum Anlaß, über die derzeitigen Unterrichtsformen nachzudenken. Um die Lernerfolge von Jungen und Mädchen zu optimieren, plant die Sozialdemokratin eine zeitweilige Trennung der beiden Geschlechter in Kursen der gymnasialen Oberstufe sowie der Sekundarstufe I der Gesamtschulen. Das Ganze nennt sich dann "reflexive Koedukation". Doch ist der Rückschritt in die 60er Jahre (die Zeit vor der Einführung von gemischten Klassen) wirklich der Weisheit letzter Schluß? Peter Wirtz, Schulleiter der Albert-Lange-Gesamt schule in Wald relativiert die Forderungen der Ministerin. Von der räumlichen Trennung will er nichts wissen. "Wir haben immer noch gemischte Klassen. Lediglich in Experimen tierphasen (zum Beispiel im Chemie- oder Informatikunterricht) bilden wir reine Mädchen- oder Jungengruppen." Am Beispiel Informatik erklärt er das Problem. Jungen, so erklärt Wirtz, haben in diesem Bereich in der Regel schon Vorerfahrungen. Die Hemmschwelle der Mädchen beim Thema Computer sei dadurch noch größer, wenn in gemischten Gruppen gearbeitet werde. Die Gruppentrennung "Männlein-Weiblein" zeige nach vier Wochen dann erste Erfolge.

"Die Mädchen holen in dieser Zeit die Vorkenntnisse der Jungen ein und sind in der Folgezeit nicht selten besser als diese", erläutert der Schulleiter. Diesem Unter richtsprinzip hat die Albert-Lange-Schule in der gymnasialen Oberstufe eine Bestmarke zu verdanken, von der manche Schulen nur zu träumen wagen. Erstmals ist in den natur wissenschaftlichen Fächern die Zahl der Jungen und Mädchen nahezu ausgeglichen. Noch bis Juni 1999 läuft diese Langfriststudie in Wald. Doch Schulleiter Wirtz ist jetzt schon begeistert. Hans-Werner Bertl, Solinger SPD-Bundestagsabgeordneter, hält den Behler-Plan ebenfalls für eine vernünftige Geschichte. Vor allem im naturwissen schaftlichen Bereich werde, so Bertl, den Mädchen ein größerer Freiraum eingeräumt. Für Kerstin Sommer, Pressesprecherin des Vereins "Stadtschulpflegschaft Solingen - der runde Tisch" ist der Vorstoß Behlers "albern und überflüssig". Ihrer Meinung nach sollte sich die Ministerin um die echten Probleme der Schulen (Lehrermangel und Gewalt an Schulen) kümmern. Letztendlich wirft Sommer der Ministerin "mangelnde Praxisnähe" vor. Der NRW-Generalsekretär und ehemalige Lehrer Herbert Reul schlägt in die gleiche Kerbe. "Behler will nur von den eigentlichen Problemen in der Schule ablenken." Sie solle sich doch besser um Unterrichtsausfall, mangelnde Qualität und sinkende Schul leistungen kümmern. Genauso sieht es auch der Solinger MdB Bernd Wilz. Er hält außerdem nichts davon, die Unterrichtsmethoden von "oben herab zu verordnen". "Das sollte man schon den jeweiligen Schulen überlassen."

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